Nach einem ausgedehntem Spaziergang durch ein, sich im südlichen Teil von Wuppertal befindliches Wohnviertel, manifestierte sich langsam eine angenehme Erschöpfung in mir.

So machte ich mich auf den Weg in Richtung Zentrum.

Ich dachte an eine Bank in einem ruhigen grünen Park.

Wider meiner Gedanken befand ich mich dann doch ohne mich zu versehen am gepflasterten Hauptplatz vor dem Rathaus von Wuppertal. Kurz entschlossen nahm ich hier Platz, auf einer aus Eisenstäben geflochtenen Bank, legte meine Kamera und Taschen ab, lehnte mich zurück entlastete meine Beine und nahm mir eine Buch: „Ernst Jandl - Die schönsten Gedichte“.

Ich las ein Stück, beobachtete die Menschen wie sie über den Platz liefen, geschäftig, treibend - genoss die Sonne, kurz gesagt ich entspannte mich und fühlte mich sehr wohl.

 

Plötzlich setzte sich ein Mann neben mich, gerade Mal eine Armlänge entfernt, sofort nahm ich einen speziellen  Geruch wahr. Einen Geruch den man kennt.

Ich werfe einen Blick zu ihm, und erinnere mich, dass ich ihn zuvor auf einer anderen Bank am Hauptplatz kurz sitzen sah.

Er hielt sich den Kopf, seine Stirn schien zu bluten.

Ich hatte ein sehr unklares und diffuses Bild, wusste nicht wer er war - was er hier tat und wie ich mich verhalten sollte. Ich warf noch einen vorsichtigen Blick zu ihm und bat ihm meine Hilfe an.

Wie schon einige male zuvor, wischte er sich mit blutverschmierten Papiertüchern über die Stirn und sagte es sei alles in Ordnung.

Ich schluckte, und dachte aufstehen zu müssen um einen anderen Platz zu suchen.

Doch war es mir irgendwie nicht möglich. Ich war perplex, was sollte ich tun. Der Mann wirkte, mit einer mir skurrilen aber doch ruhigen Art verzweifelt. Er hielt sich wieder eines seiner Tücher an die Stirn, die 2 größere Schürfwunden zeigte, aus einer Blut tropfen zu schien.

Ich fragte Ihn ob er nicht wolle dass die Rettung verständigt wird. Er antwortete mit einer gelassenen leisen und schwerverständlichen Stimme Wort wörtlich: “Es geht ihm wirklich nicht gut, aber soweit sei alles in Ordnung und es ist nicht notwendig die Rettung zu rufen“.

Ich war mir nicht sicher ob es ihm gesundheitlich soweit gut ging um seinen Wunsch: „Nicht die Rettung zu rufen“ respektieren zu können, als plötzlich eine junger Mann näher kam um auch seine Hilfe anzubieten. Er gab dem alten Mann seine Packung frischer Taschentücher.

Ich hielt diesen hilfsbereiten Mann an doch die nächste Polizeistelle um Hilfe zu bieten.

Zwei Minuten später kam der er zurück und erklärte mir das die Polizei bescheid wisse und der aus der Stirn blutende Mann ihnen die gleiche Antwort gab wie mir.

Ich war etwas beruhigt, lag mein Buch weg, aus dem ich schon länger nicht mehr las, als plötzlich ein Geräusch gleich einem Plätschern in der Nähe zu vernehmen wahr. Gleich darauf, sah ich wie der Mann unter sich, durch die gitterförmige Sitzbank, seinen Urin verlor.

Eine Handlänge entfernt von mir pisste er sich an, einfach so ohne Vorwarnung, ohne weitere Regung, gelassen ohne ein Wort zu verlieren.

Ich hab vergessen zu atmen, perplex und gefesselt, wie versteinert saß ich da und sah den Mann an, der aus der Stirn blutete, pisste, weinte und blutverschmierte Hände hatte.

 

Ich versuchte den Urin zu riechen, aber ich roch nichts.

 

Ich frage ihn ob ich etwas für ihn tun kann. “Taxi nachhause“ sagte er mit weinerliche und verbitterter Stimme.

„Geld hatte er genug“ sagte er, auch sah er nicht aus wie ein Obdachloser, sondern durchschnittlich gekleidet, eine Lesebrille in der Brusttasche seines karierten Hemdes und gekämmte Haare.

Bis auf seine blutende Stirn, dem mittlerweile blutverschmiertem Gesicht und den Händen war er nicht auffällig. Obgleich wir in dieser Situation anscheinend die Aufmerksamkeit der anderen, auf dem Hautplatz sitzenden Menschen, in Anspruch nahmen.

 

Zwei Polizisten kommen aus der Wache heraus, an uns beiden vorbei, sie bemerken unsere Unterhaltung und sehen mich mit einem etwas verklärten Blick an um in Anschluss zu fragen ob es Ihm gut gehe. Spontan übernahm ich die Antwort für Bernd und sagte es geht ihm soweit gut.

Irgendwie fühlte ich mich eigenartig plötzlich geantwortet zu haben, ich fühlte mich durch mein spontanes Handeln in dieser Situation fast wie ein Beschützer oder Vormund für Bernd.

 

In Folge wiesen sie Ihn darauf ihn falls er es sich anders überlegt, sollte er doch wieder in die Wache kommen und sie würden ihm helfen.

Ich war ein weiteres Stück beruhigt. Es gab mehrere Menschen die helfen wollten.

Ich fühlte mich fast schon als Mitglied eines Teams.

Das Gefühl nicht mehr alleine zu sein brachte mich dazu das Gefühl des Beschützers mehr und mehr ablegen zu können, mich zu entspannen und die einfache Position eines Dialog-Führenden einzunehmen.

 

Ach ja, unter anderem erzählte er bisweilen Teile seiner Lebensgeschichte und nannte sich beim Namen – Bernd.

Bernd erzählte von seiner Frau, mit der er seit 39 Jahren verheiratet sei. Er erzählte von seinem Labrador Mischling, ein Geschenk einer seiner 2 Söhne, seinem regelmäßigen Zillertal Skiurlaub und dass er Rentner sei.

 

Er sagte plötzlich mit einer weinerlichen Stimme: „Wieso ich

…kurz drauf ließen auch seine Tränen nicht auf Ihren Auftritt warten.

Ich nahm seine blutverschmierte Hand, drückte sie, gab ihn mein Vertrauen und Zuneigung, dass er merklich sofort annahm, mich ansah, wieder Ruhe fand und weiter erzählte.

Bzw. das erste Mal mir eine Frage stellte.

Weshalb ich hier sitze mich mit ihm unterhalte, zuhöre, mich für sein Leben und seine Geschichte so interessiere.

 

Im Augenwinkel sah ich einen Mann von einer entfernten Bank auf uns zukommen. Er musste uns schon länger beobachtet haben und sich sein eigenes Bild der Situation schon zurechtgelegt haben sodass er auf die Idee kam uns seine leere Pfandflasche schenken zu wollen bevor er sie unverwertet in den Mülleimer wirft.

Wie sich schlussendlich für mich rausstellte, konnte ich diesen Mann auch dem zuvor erwähnten „Team der Hilfe“ zuordnen.

Da kam mir der Gedanke der Kettenreaktion. Es ist ganz simpel. Es muss nur der erste Schritt getan werden, ein Mensch muss die erste Handlung setzen, vorreiten und initiieren… Es ist wirklich ganz einfach…

Verweigere Dich nicht deinem Potenzial jemanden zu helfen, der es brauchen könnte, verweigere dich nur deiner Unsicherheit dass Du Versagen wirst.

Sobald Du einen Schritt getan hast, hast Du alles andere getan als versagt. Nie wirst Du alleine stehen, nie wirst Du alleine sein, denn jeder Mensch hat eine gute Seele.

Wenn diese Seelen sich nach außen kehren, inspirieren sie die Welt und auf dem augenscheinlichen dunklen Firmament erleuchten von mal zu mal mehr Seelen, die den Sternenhimmel in einer klaren und warmen Sommernacht bilden und mit Hoffnung erfühlen.

 

Wir unterhielten uns weiter, und während dessen beobachtete ich die Umgebung und die Menschen die uns zu beobachten schienen.

Es war spannend, diese Situation, Bernd, mein mir nun neues Verhalten, die anderen, die Welt und dessen neuer Duft.

Mit diesem Gedanken wurde mir erst klar das ich vergesse, dass Bernd ständig blutete, zuvor einen Meter neben mir regungslos urinierte. Es war mir auch in diesem Moment und danach gleichgültig. Bernd war Bernd und ich war ich und aus unserer bizarren Zusammenkunft wurde eine Unterhalten, eine wie ich denke für uns beide sehr bereichernde und farbenfrohe Unterhaltung.

 

Es wurde etwas ruhiger, er und ich redeten weniger und saßen eine zeitlang nur da ließen alles auf uns einwirken.

Ich sagte zu ihm dass ich nun weitergehen werde.

Bernd hatte Tränen in den Augen und Griff nach meiner Hand, ich nahm sein Hand und er begann zu weinen. Es war schön, und sein Weinen war rein. Reinigung der Vergangenheit.

... auch meine Augen blieben nicht trocken...

 

Während Bernd noch die Tränen in den Augen standen bedankte er sich bei mir für diese Zeit

Und ich tat selbiges und sagte noch weiter zu ihm:

„Ich kenne Dich nicht Bernd, aber ich glaube an Dich.

 

…und ging fort, dem Hauptplatz entlang in Keine-Eine Richtung.

 

Das erste was ich nach der Unterhaltung tat, war mir ein paar Strassen weiter eine Flasche Bier zu kaufen, eine Zigarette anzustecken und die Uhrzeit zu lesen…

 

...es waren 2 Stunden vergangen.

 

 

Wuppertal 31.Juli 2007
 
  pictorial